Nocte Obducta – grosses Interview

Frontmann Marcel hat und beim Dark Easter Metal Meeting Rede und Antwort gestanden.

Gibt es einen besonderen Hintergrund zu dem Namen?

Nein, keinen besonderen. Der Name ist ziemlich spontan entstanden. Wir hatten ursprünglich… der Name von 93 bis 95 war ein reiner Phantasiename, weil wir einen riesigen Zettelstapel hatten. Ich habe Logos gebastelt, es ging von-bis, bis Lovecraft, wie das halt so ist, und sind dann durch mehr oder weniger ein Witz auf den alten Bandnamen Desihra gekommen. Also, das ist ein Phantasiename, und 1995 hab‘ ich mir gedacht, dieser lustige Name… es ist kein lustiger Name aber ich brauche einen Namen mit mehr Inhalt und es war klar, es sollte irgendetwas mit ein bisschen Klischee sein; mit Nacht oder mit Atmosphäre, aber ich hatte keine Ahnung, was. Weil die meisten Black Metal bands… es sollte halt nichts mit schwarz oder sonst was, es sollte nichts aus dem Necronomicon sein, auch nichts aus Herr der Ringe. Ich hatte keine Ahnung was, und ich habe im Lateinunterricht damals Hannibal gelesen. Es gibt einen Satz, ich glaube als Hannibal irgendein Lager angreift mit den Stieren mit den Fackeln an den Hörnern. Das beginnt mit „Nocte innuente”, was mehr oder weniger das Gleiche bedeutet, aber nocte innuente klang einfach nicht gut. Und es war, glaube ich, ein paar Monate später habe ich dann in einem anderen Text „nocte obducta” gelesen, es bedeutet das Gleiche, ungefähr, hört sich aber besser an. Und das ist schön, weil das ist ablativus absolutus, „nachdem die Nacht herabgesunken”, komma. Man kann es aber auch lesen: obwohl die Nacht herabgesunken, oder während die Nacht herabgesunken. Es ist sozusagen ein Satzanfang, und das was sich die Leute hintendran ausdenken, das beeinflusst, wie man das übersetzt – es hat irgendetwas zu tun mit der herabgesunkenen Nacht, ob nun „nachdem”, „obwohl” oder „während” – das entscheidet der Hörer. Für uns ist es „nachdem”… meistens.

Ich habe gehört, Ihr habt eine recht beschissene Nacht gehabt. Wie geht es euch jetzt?

Ja, was darf man jetzt erzählen? Ich sage mal so, nein auch so intern, es ist alles ein bisschen chaotisch gerade bei uns, auch was die Band angeht. Wir sind müde. Wir haben nachts noch… unser Booker hat noch ein Hotel gefunden, ein Hostel, aber zu siebt in einem Zimmer mit 700 Fussballkindern in den Stockwerken darunter… dann halt, wir haben halt oft viel Durst, gestern halt so‘n bisschen Frustsaufen gemacht, und dann sitzt du da und wartest, und dann heute Morgen kein Frühstück…

Ich habe Euch gestern noch auf Ruins of Beverast gesehen. War das noch davor?

Nein, wir kamen hier an um 14-15 Uhr und wir wollten ins Hotelzimmer zum Check-in, die Reservierung gehabt, Reservierungen Nummern usw. und dann: das Zimmer wurde storniert. Und das (andere Zimmer): auch storniert. Und das (andere Zimmer): auch storniert. „Das Hotel ist voll.“ “Wir sind heute Morgen losgefahren zehn Uhr – was machen wir jetzt?“ „Ja, keine Ahnung.“ Und das war nicht so schön. Vielleicht sind wir manchmal nicht professionell genug, um dann einfach zu sagen „Gut, dann heute Abend nüchtern bleiben, irgendwo hinfahren”. Wir hatten das Hotel für heute, das haben wir ja, wir sind ja heute im Hotel, und wir hatten uns vor Dezember entschieden, wir wollen das Hotel verlängern, selber bezahlen, uns die Bands anschauen, heute ein bisschen feiern, gestern feiern, und dann einfach einen schönen entspannten Abend, rüber ins Hotel… ja und am nächsten Morgen… war nicht so.

Auf der Bühne sagtest du, und ich weiss nicht ob es sich auf das ganze Album bezogen hat oder nur auf den Song, es hätte eigentlich letztes Wochenende in der Büchse sein sollen. Deswegen die Frage: wie steht es mit dem neuen Album?

Es gibt ein paar organisatorische Dinge aussen rum, über die können wir jetzt nicht sprechen. Aber die Lieder sind eigentlich fertig, schon lange, die können auch gespielt werden. Wir haben heute nicht besonders gut gespielt, aber wir könnten rein theoretisch einige der Lieder spielen. Und wir warten jetzt auf die weitere Entwicklung. Aber das nächste Album ist in der Mache, ist fertig geschrieben es gibt auch Proberaum Aufnahmen, und auch Rohaufnahmen, von mir Zuhause aufgenommen, mit Matze an den E-Drums. Und es wird wieder ein bisschen, etwas opulenter und düsterer wieder. Ein kleiner Rückschritt – bewusst.

Es ist also noch nicht irgendwie kurz vor Finalisierung?

Nein, wir hätten eigentlich im Winter anfangen wollen. Wir hatten vor zwei Wochen einen Gig in Mainz, mit einer alten Mainzer Band, die es seit den frühen Achtzigern gibt – das war mehr so ein Lokal-Ding. Wir kannten die andere Band, wir kannten die Leute im Publikum; das war mehr eine 80er Heavy Metal Party, mit Nocte Obducta die auf dieser 80-er Heavy Metal Party spielt. Und wir wollten eigentlich einen Teil aufnehmen, dann den Gig spielen, dann das Dark Easter Metal Meeting spielen und dann das Album fertig machen. Und jetzt haben wir aber gedacht, da wir alle auch alle normal arbeiten, wenn wir jetzt mit der Situation, die momentan ist, schnell ins Studio, und anfangen, und dann eben die Pause, und dann wird das wieder so etwas wie Sequenzen. Und deswegen haben wir dann gesagt, wir spielen die Gigs, die beiden, und dann schauen wir weiter.

Gibt es eine Erwartung, wann es veröffentlicht werden soll?

Nein. Also doch: der Plan war ursprünglich idealerweise im Herbst. Wir wollten eigentlich soweit fertig sein, dass wir zum Jahreswechsel im nächsten Jahr zum Beispiel sagen können, wir können auf den Festivals spielen, weil wir haben ein neues Album. Das könnte noch klappen. Aber der Rest ist Orga und Geheim und geschäftlich (lacht). Schauen wir mal. Also: kann ich nix zu sagen.

Aber die Lieder sind ja schon fertig, wie du sagtest.

Ja ja, schon ewig.. also, was heisst ewig: wir haben das Album quasi… als Konzept habe ich es fertig gemacht letztes Jahr im Februar-März, und seitdem steht das Album; also die Reihenfolge, die Texte, jede Spur ist fertig und wartet.

Das bring mich zum nächsten Punkt. Du hast mehrmals in früheren Interviews gesagt, dass du die Melodien teilweise sehr lange mit dir rumträgst, bis fünfzehn Jahre, bis daraus ein fertiges Lied wird. War das auch bei dem neuen Album so?

Ja, das Lied, das wir heute gespielt haben, ist von seiner Grundstruktur tatsächlich von 1999 oder so. Es sind mehrere Sachen drauf, die ungefähr aus dem Zeitraum sind. Ich habe mir immer gedacht, das passt jetzt gerade nicht. Also das ist gerade ein sehr, sehr negatives Lied, und mir ging es dann vor eineinhalb Jahren so beschissen dass ich mir sagte: jetzt erst mal nichts mehr. Aber als ich dann wieder angefangen habe, Musik zu machen, habe ich gedacht: jetzt funktioniert der ganze Scheiss; jetzt ist alles so scheisse; jetzt können wir die Lieder fertig schreiben – und dann waren die Fragmente da und innerhalb von drei Wochen war das Album fertig. Aber es sind natürlich auch neue Sachen dazugekommen. Es ist keine Resteverwertung in dem Sinne, sondern tatsächlich ein neues Album mit grösstenteils neuen Sachen, aber es gab so ein paar Leitmelodien, die immer gewartet haben, und jetzt sind sie da. Und wir haben auch ein relativ positives Lied, weil ich gedacht habe: „jetzt brauchen wir vielleicht noch einfach so’n Tulus Cold Black Metal Stampfer, der gute Laune macht, der ist auch drauf“ – für die Charts halt.

Was ich dich immer gerne fragen wollte: wie entsteht eine Melodie bei dir, ob nun im jetzt oder vor zehn Jahren, kommt sie wann und wie sie will, oder setzt du dich hin und sagst, so jetzt wird komponiert; wie passiert das Ganze?

Alles und beides. Ich habe gemerkt vor ein paar Jahren… es gab eine Zeit, ich habe die meisten Melodien bzw. Arrangements für Melodien auf dem Fahrrad, auf dem Weg zur Arbeit [entworfen], und das Zusammenbasteln passiert dann wirklich mit Fokus auf die Arbeit und die Melodie. Und manchmal gibt’s auch, dass man sich hinsetzt und sagt, so ich brauche jetzt für die und die Stimmung die und die Melodie. Oder ich habe die und die Szene vor mir. Also wenn man sich den Text als Film vorstellen würde, wie würde die Filmmusik darunter aussehen und dann probiert man die Musik zu schreiben. Aber das meiste passiert wirklich wenn ich kein Instrument in der Hand habe. Die Grundstruktur der Musik passiert, würde ich sagen heutzutage – das war früher anders – aber die letzten zehn Jahre mindestens nicht mit Instrumenten in der Hand, sondern wenn ich den Kopf frei habe und irgendwo bin… und dann hoffe ich, dass ich mich, wenn ich wieder ein Instrument in der Hand habe, mich daran erinnere was ich machen wollte, da geht dann auch viel verloren. Aber da kann man dann auch Spickzettel [nutzen], und sagen das Tempo ist ungefähr so wie „We’re not gonna take it, die ersten drei Töne sind von… Suspicious Minds, und der Keyboard sound ist von Last Christmas“. Die Melodie ist ungefähr so, da kann man sich das irgendwie versuchen zu merken… aber ohne diese Lieder.

Wie merkst Du Dir dann diese Fragmente, schreibst du es dir auf oder bleibt es im Kopf hängen und arbeitest dran weiter über die Jahre?

Das bleibt meistens im Kopf. Ich spiele das natürlich irgendwann an, wenn ich die Gitarre in der Hand habe oder das Klavier oder den Synthesizer aber das meiste bleibt im Kopf, weswegen auch sehr viel dann verloren geht. Das ist tatsächlich… mit dem Alter, in Anführungszeichen, ist mehr verloren gegangen. Es gibt sehr viele Sachen, wo ich anfange zu spielen, „ah, das war die wunderbare Idee von vor einem halben Jahr“, fange an zu spielen und denke „ach, und jetzt… “ – und dann kommt nichts mehr. Ich wusste aber da war was, aber das ist nun nicht mehr da. Das ist schade, aber ich schreibe auch Sachen auf, ich habe da kein Konzept; dass kommt mal so, mal so. Also entweder ich schreib‘s auf oder ich nehme es auf oder ich merk’s mir oder ich vergesse es oder ich mache mir Spickzettel mit Last Christmas – und vieles geht verloren. Vieles bleibt in der Schublade, man hört es dann fünf Jahre später wieder, zehn Jahre später, das ist ja mit Pro-tools auch ganz nett, dass man sich an eine Datei erinnert und dann sagt, oh, gar nicht schlecht. Da war wohl jemand betrunken damals. Aber ich habe da kein Konzept. Es gibt auch keine Reihenfolge Musik oder Text. Es gibt immer grobe Verknüpfung von Text und Musik aber es gibt keine feste Reihenfolge.

Habt Ihr eine formale musikalische Ausbildung?

Ne. Ich habe drei Stunden Gitarre (gehabt)… das einzige Instrument was ich gelernt habe, ein Jahr lang, Dreivierteljahr, war Schlagzeug; aber das spiele ich nicht mehr, schon ewig nicht mehr, weil für Schlagzeug braucht man sehr viel Disziplin und Platz. Und als Teenager dann immer in den Proberaum… und wenn man dann eine Gitarre hat, zeigen kann [ahmt Shredding nach], dann spielt man halt Metallica und was man sonst so zeigen kann. Schlagzeug ist… aufwendig. Aber es hat mir sehr viel geholfen, weil ich sehr viel mit dem Schlagzeuger was das Drumming angeht, sagen kann, ne-ne-ne, wir wollen die Idee, base drum hier usw. Aber ansonsten hat keiner von uns ein Instrument wirklich gelernt. Einer von unseren Keyboardern, der Steffen Emanon, der hatte Klavierausbildung tatsächlich. Aber ansonsten hat keiner von uns Instrumente gelernt.

Eigentlich kaum zu glauben.

Spielen und üben für sich ist ja auch eine Ausbildung.

Du hast früher mal gesagt, dass du den Löwenanteil der Kompositionstätigkeit auf dich nimmst, dass relativ wenig von aussen kommt. War das auch jetzt bei dem neuen Album so?

Ja, sogar noch mehr als die letzten Jahre. Das Album ist komplett, bis auf ein paar Arrangements-Geschichten. Da habe ich mir vorgestellt; ich spiele ungefähr das, die andere Gitarre ungefähr das, aber vielleicht auch so, aber das ist eigentlich alles. Alles (entstand) in meinem Kopf.

Wie viele Alben befinden sich sonst noch in deinem Kopf?

Sehr schwer zu schätzen. Ich habe jetzt auch wieder angefangen mit anderen Projekten ernsthaft Musik zu machen und auch im Studio zu arbeiten, was ich mir immer nur vorgestellt habe. Aber ich denke mal, wenn ich die Lieder aneinander hänge, die definitiv Nocte Obducta sind, dann haben wir jetzt bestimmt noch drei-vier. Aber die werden wir natürlich so nie machen, weil in 3-4 Jahren würde ich sie so nicht mehr so machen wollen.

Ich macht jetzt wieder relativ schnell die Alben hintereinander – kann man diesen Rhythmus aufrechterhalten?

Jein. Wenn jetzt nicht so viel dazwischen gekommen wäre, wären wir jetzt quasi wieder fertig. Wir haben ja Totholz sehr schnell, nach elf Monaten, glaube ich, und viele haben ja gesagt, das Album wäre auch so kurz, es gibt diese lange Anfangsphase, wir hätten bloss versucht, das Album länger zu machen – was aber nicht stimmt, wir haben das Album gekürzt. Das Album ist eigentlich länger, weil ich wollte unbedingt zweimal 21 Minuten auf Vinyl haben und keine Sekunde länger, oder keine Minute länger. Das heisst, eigentlich ist das Album ein gekürztes Album, mehr oder weniger, vom Songwriting. Aber wir hatten vor Mogontiacum so lange nicht mehr wirklich etwas gemacht, dass es einfach raus musste. Und jetzt haben wir alle gedacht ein bis zwei Jahre… Aber dann kam viel dazwischen. Privat, beruflich und mit der Organisation der Band, der Plattenfirma etcetera, dass wir jetzt irgendwie ein bisschen in den Seilen hängen.

Was ich mir überlegt habe, wo ich mir Totholz angehört habe, aber eigentlich auch die anderen Alben. Ich höre gerne Rock / Prog Rock der 70-er Jahre. Und ich meine gewisse Verwandtschaft feststellen zu können von Songstrukturen her, und überhaupt wie versatil das Ganze auch ist. Würdest du dem zustimmen? Seht ihr irgendwelche Wurzeln in der Richtung?

Ja auf jeden Fall. Das ist die Musik, mit der ich aufgewachsen bin, mehr oder weniger, über meine Eltern und insbesondere über meinen Vater und das ist auch die Musik die ich… Ich höre zwar alles Mögliche aber ich glaube, dass der grösste Teil entweder Black/Death Metal aus den späten 80ern ist, bis Mitte 90ern, oder Rock/Psychedelic-Kram von 68, 67 bis Mitte 70er, und das sind die alten Schallplatten, die ich von meinen Eltern kenne. War gerade wieder bei meinen Eltern, hab mir eine Schallplatte ausgeliehen letztes Wochenende. Und damit bin ich aufgewachsen und das ist halt so einer, das läuft immer im Hinterkopf, im Hinterkopf; und wenn ich soetwas höre, und ich kenne die Alben, entweder aus meiner Kindheit, und… meine Eltern haben damals in einer WG gewohnt, und waren auch die ganzen Langhaarigen, und ich glaube da bin ich einfach drinn. Beim Matze, dem Schlagzeuger ist es von der Sozialisation her, glaube ich nicht ganz so, aber der hört das auch schon immer, und das hört man auch immer raus, das wird man auch – zum Glück – nicht mehr los. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Teil. Also, ich versuche nicht so zu klingen, weil, dafür sind wir zu sehr, von unserer Arbeitsweise her zu sehr… ein bisschen zu punkig und zu undiszipliniert. Aber das ist halt was ich privat am meisten höre… im Winter vor allem. Je wärmer es draussen wird, desto aggressiver und hässlicher wird die Musik. Und wenn’s kalt und dunkel wird, dann wird die Musik studierlicher und gemütlicher. Es gibt Bands, die höre ich nur im Sommer, die kann ich mir im Winter nicht anhören.

Ich meine, Bruce Dickinson hat mal gesagt, dass er zum Beispiel den Progressive Rock vom Anfang der 70er als für sich absolut definierend ansieht, ich glaube sogar Genesis hatte er erwähnt.

Ja, grossartig, Genesis, die alten Genesis

Mit Peter Gabriel…

Ja, ja. Auch Peter Gabriel als Popmusiker: grossartig – auch wenn er seit hundert Jahren nichts mehr… seit 2002 oder 2003 nichts mehr Ordentliches gemacht hat. Also als Solo. Er macht nur noch Projekte eben, keine schönen Alben mehr… aber er weiss schon sehr genau was er macht.

Du hast Black/Death erwähnt – gibt es sonst irgendwas, ausser Metal, was du gerne hörst?

Wie gesagt, ganz viele von den Klassikern, die man so zwischen Sergeant Pepper und… Animals. Also der Zeitraum 67, 68, 66, bis so 77 rum… ich nehme gerne immer 77, weil das mein Geburtsjahr ist, und man das ja immer alles nicht so… Da die Klassiker, der klassische Heavy Metal aus den 80ern… relativ konservative Musik, also im Death Metal sind es erstens die ersten beiden Entombed und die frühen Morbid Angel und so weiter, und so – wenig Überraschung – und dann geht es beim Black Metal in die Sachen wie die frühen In The Woods oder sowas, wo sie ein bisschen experimenteller wurde, und so 96/97 hört es dann irgendwie mehr oder weniger auf. Also, es gibt immer noch geile Sachen, die später kamen, also Tulus Cold oder… vergessen. Es gibt immer gute Bands aber das Interesse ist einfach nicht mehr so grossartig da. Elektronische Musik auch sehr gut, und es gibt einfach viele Sachen die man… Black Hearts Possession, die Black Angel… alles was mit Black anfängt, ist leider oft sehr gut, wenn es kein Metal ist, muss man sagen, oder auch sogenannte Weltmusik wie Rabih Abou-Khalil, das habe ich auch schon üppig, auch über die Eltern aber, immer schon. Ich weiss nicht, wie lange, Rabih Abou-Khalil hat in den 80-ern angefangen, glaube ich, orientalischer Jazz ist auch sehr angenehm. Und auch Klassiker wie Prodigy; die ersten drei Prodigy Alben kann man auch immer gut hören. Zwar nie leise, eher mit mehr Leuten und bei gutem Wetter, und lieber mit einem Drink mehr, als mit einem Drink weniger.. ohne tanzen natürlich… es ist einfach gute Musik.

Du hattest mal früher erwähnt, vor zehn Jahren, in einem ein Interview, dass du an Wochenenden und an Abenden und in deiner Urlaubszeit an der Musik arbeiten konntest, weil du ansonsten Geld verdienen musstest.

Ja… das geht uns allen so.

Das hat mich etwas überrascht, beim dem Standing, das die Band hat… und wenn die Frage nicht sehr indiskret ist; ist es fernab gewesen oder hat vielleicht nur ein bisschen gefehlt um sagen zu können, so jetzt mache ich nur noch Nocte, und davon lebe ich?

Also ich glaube wir waren vielleicht für den ganz grossen Absprung ein bisschen zu spät… was gut ist. Und wir hatten es… Es gab einen Punkt, wo vielleicht andere Bands gesagt hätten: jetzt wird’s professioneller. Als die Taverne rauskam 2002… nee, 2000, und sie bei Legacy auf Platz eins gelandet ist und dahinter waren Therion und Dismember und so… da haben wir gedacht, Okay wir haben das Album in einer Woche aufgenommen, mit wenig Kohle, und haben es gekürzt, wir haben ein Lied rausgeschmissen, weil wir es so schlecht gespielt haben, und gedacht haben, ein andermal… gefühlt. Also, so war es nicht wirklich, aber es war so gefühlt, es sich an wie okay wir machen das jetzt einfach, und dann ist das Album plötzlich bei Legacy auf Platz eins. Und wir waren damals in so einer Situation wo wir sehr, sagen wir, sehr trotzig waren, wir fanden das… es kam das interview hier, und da muss man sich so benehmen und das kann man jetzt so nicht mehr sagen… und das fanden wir Scheisse. Ich bin aber froh dass wir das so unprofessionell gemacht haben alles. Weil, wenn ich mir das überlege, ich hätte damals mit… da war ich glaube ich 22 als das Album aufgenommen wurde. Wenn ich da alles hingeschmissen hätte, hätte ich als trotzdem so kleine Band ab da machen müssen, was die Leute hören wollen und was die Plattenfirma hören will und was der Markt hören will. Und dann könnte ich keine Musik mehr machen, dann müsste ich Musik machen. Und natürlich, wenn man es schafft, ist es gar nicht schlimm. Ich möchte auch professionelle Musiker nicht verurteilen, weil wenn du natürlich wirklich ganz viel Glück hast, dann musst du das machen. Aber du kannst ja nebenher trotzdem auch was richtig Geiles machen. Aber das Risiko… wenn man zu sechst ist; wir waren immer eine Band, und auch wenn nicht immer alles gestimmt hat, es war immer klar, es geht darum, es müssen alle damit klarkommen, und jeder hat andere Pläne für Beruf, Familie, Privatleben. Und wir machen das so wie wir… wir wollten die Unschuld da nicht verlieren, irgendwie. Es ist dann woanders trotzdem scheisse gelaufen, im Privatleben, aber das kann man vorher nicht wissen. Und deswegen bin ich trotzdem froh über die Entscheidung. Ich weiss nicht ob ich heute hier mit Nocte Obducte sitzen würde, wenn wir uns vor 20 Jahren entschieden hätten, jetzt geht’s ums Geld. Da wäre es vielleicht hoch, und dann wäre vielleicht Ende gewesen.

Die Freiheit geht dann so stark verloren, dass du dann nicht mehr dein eigener Herr bist.

Möglicherweise. Aber das ist möglicherweise erschreckend genug wenn man… Die Musik ist im meinem Kopf, und in meiner Wohnung, und dann ist sie im Proberaum oder draussen im Wald oder Spaziergang oder in der Stadt, und dann ist sie im Proberaum und dann ist sie auf dem Album – aber sie ist nicht auf dem Markt und dann erst im Kopf und dann im Proberaum.

Es reicht ja schon, wenn es zur Selbstzensur kommt und man sich fragen muss, was werden die Leute dazu sagen, was lässt sich verkaufen.

Und das macht man tatsächlich schon auch, man hat ja schon öfter mal Ideen wo man sagt, das ist jetzt schon ein bisschen drüber. Mogontiacum war ein Extremfall eigentlich, weil Mogontiacum war ein Album, das wir so lange im Kopf mit uns herumgetragen haben. Mogontiacum war ja letztlich Nectar 3, und dann haben wir gemerkt, es gibt Probleme mit der Plattenfirma damals, keine dramatischen, aber wir waren sehr unsicher, dann hatten wir intern ein paar Probleme, dann haben wir Sequenzen gemacht, dann ist Sequenzen abgesoffen und per Telefon und Internet gemischt worden nach einem halben Jahr oder so. Und dann haben wir 2015 Mogontiacum gemacht, quasi im Sound-Kosmos von Nectar plus x plus Dinner auf Uranos. Und da haben wir im Studio gesessen und gesagt, so jetzt machen wir einfach irgendwas Extremes… probieren hier, machen wir mal hier, und im Nachhinein das ganze Album ist zwar grossartig zu hören, wenn man sich mit Sounds befasst – also das Vinyl; die CD klingt nicht besonders gut, finde ich, die kann ich mir nicht anhören. Die Schallplatte klingt gut, aber die CD habe ich neulich mal wieder angemacht, das kann man / darf man nicht sagen, nö, „kann man sich nicht anhören“, aber die CD kann man sich nicht anhören. Aber das ist so viel im Studio irgendwas gemacht und gedreht und so extremer Scheiss… wo ich mir mittlerweile denke, okay, das würde ich so nicht nochmal machen. Wenn das so gelaufen wäre, wie ich es mir vorgestellt hätte, wäre das ein anderes Album geworden. Aber trotzdem ist es wichtig dass das wir das so gemacht haben, weil es eine sehr gute Erfahrung war. Ich habe einfach im Studio gesessen und gedacht, “ja, jetzt alles auf 10, hm, man hört nichts mehr – das ist gut, man hört nichts mehr. Dann machen wir das so; und das nächste Lied ist dann ganz laute Keyboards und Elektronik und dann wieder KKKHHHHH und viel zu laute base drums: ja ach, sehr sehr schön”. Es war ein Abenteuer und es war schön nachdem wir so viele Jahre immer so verkopft und es hat nicht geklappt, einfach im Studio zu sitzen und „ja-ja“ [imitiert rumspielen]. Ja, sehr lustig.

Zum Abschluss noch zwei-drei Sachen; ihr habt ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihr erster Linie aus der Punkszene kommt, eher aus dem linken Spektrum. Bleibt da neben Arbeit und Geld verdienen, und Musikmachen, bleibt für sowas überhaupt noch Zeit und Energie, um da noch irgendwas aktiv zu gestalten?

Nein. Liegt aber, glaube ich, vor allem an Faulheit. Denn eigentlich hätte man so sowas schon Zeit. Es ist aber, muss man sagen, mit diesem Zitat „Wir kommen eigentlich aus der Punkszene und dem linken Spektrum“: es ist nicht so, dass wir die Band aus politischen Gründen gegründet haben und sind, ich würde nicht sagen, klassische Linke oder auch keine Punks, wir kommen eigentlich… jetzt nicht unbedingt aus dem musikalischen, und was das Engagement angeht, aus dem Punk Spektrum, sondern die Mainzer Musikszene, aus der wir kommen, ist eher das linke Spektrum… wir hatten früher eine relativ, relativ aktive Musikszene in Mainz, die kommt auch wieder, witzigerweise, und das sind immer noch die gleichen Leute eben wie Anfang der 90er, jetzt wieder die man immer noch sieht. Sie sind mittlerweile alle zwischen Anfang vierzig und Ende fünfzig aber man sieht die Leute immer noch. Es war mehr so die Sache, dass der Black Metal sehr politisiert wurde, sowohl von den Leuten als auch von aussen, muss man ja auch sagen, und man sich plötzlich rechtfertigen musste. Und wir haben jetzt aber nicht gesagt „wir sind aber links, keine Angst, wir sind keine Rechten“, sondern man musste irgendwann sagen „ne-ne, wir haben eigentlich angefangen in der Linken Musikszene in Mainz, und wurden immer extremer was den musikalischen Ausdruck angeht“. Aber wir haben uns niemals damit beschäftigt, wir machen jetzt Black Metal. Es geht uns nicht darum zu sagen, wir sind eine linke Punkband die Black Metal spielt, sondern wir sind als Teenager in der Schule angefangen und sind dann… also die ersten Lieder bei Desihra, die waren damals, unser allererstes Lied, das hiess Dark Days, das war irgendwo zwischen sehr sehr schlechten Heavy Metal, Doom und Doom/Death. Vier Akkorde, E-moll natürlich, und das nächste war Punk, weil unser Schlagzeuger war Punk und wollte gern Punk spielen, da habe ich Punk Lieder geschrieben. Und da haben wir manchmal mit den Punks rumgehangen, und… da war keine Idee dahinter. Es geht auch nicht darum zu marginalisieren zu sagen da war nichts dahinter. Aber dieses Konstrukt, dieses Ideologische – das Ideologische habe ich für mich alleine. Und habe auch sicherlich Ansichten, die den Punks sicherlich nicht gefallen würden. Aber Nocte Obducta ist kein Konstrukt, das der Welt irgendwas beibringen will. Sondern wir sind Leute, wir haben unsere Ansichten, die sind mal so mal so. Tendenziell sind wir dann doch vielleicht eher dem linken Spektrum zuzuordnen. Aber die Sache ist, wir sind keine Band die gegründet wurde um bösen Black Metal zu machen, sondern wir sind eine der ältesten oder aktivsten, am längsten aktiven Mainzer Bands, die alle ursprünglich irgendwie aus diesem Jugendzentrum / alternative Musikszene kommen und das seit damals machen. Und uns auch alle noch kennen. Und die Leute auch heute noch. Wir gehen auch heute noch auf Konzerte von… ja dass sind dann 40-50-jährige, und es sind 20 Leute im Publikum. Sie haben wieder eine neue Band gegründet, und es ist immer noch Schülermusik. Aber ist schön, einfach, und man geht trotzdem noch hin. Es sind immer noch die gleichen Läden und natürlich die Leute, die Musik machen.

Apropos Konzerte: habt ihr Pläne, Gigs/Tour, die neue Platte bewerben…

Ja wir hatten ja gehofft, dass wir die Platte so machen, dass man – ja, wir touren ja meistens irgendwie im Herbst oder Frühling… Herbst wird wohl dann nichts, weil das Album wird auf jeden Fall, selbst wenn wir es jetzt fertig bekommen sollten, dass es erscheint, so knapp jetzt zu planen, das wäre zu riskant. Wir haben jetzt noch ein Gig in Österreich, im Juli, haben ansonsten aber nichts mehr zugesagt, weil wir dachten das Album wäre fertig und wir könnten vielleicht planen. Jetzt müssen wir… es war ein bisschen psychologisch, der Gig in Mainz war wichtig. Das war zwar sehr klein, der Laden, fast 250 Leute, mehr gehen da nicht rein – aber das war zu Hause vor der Tür. Da schauen dir die Leute auf die Finger, da schauen die Leute auf die Ansagen und es wird immer dazwischengerufen… war aber schön, es war wie ein Familienfest, da kommen dann die Schwestern und sonst was… und jetzt haben wir das Dark Easter, wo wir gedacht haben, okay wir haben ja grossmündig angekündet, wir sind im Studio und jetzt müssen wir sagen, wir sind doch nicht im Studio… wie so oft. Wir haben das jetzt durch, und jetzt schauen wir einfach mal. Machen jetzt mal eine Woche nichts. Dann treffen wir uns in einer Woche und reden mal über Pläne.

Ich hatte irgendwo gelesen, dass du Vor- und Frühgeschichte studiert hattest. Ist das richtig?

Ja.

Was hat es damit auf sich?

Na ja, ich habe Vor- und Frühgeschichte studiert.

Arbeitest du auch auf dem Feld?

Ne, ich hab noch lange an meiner… Ich habe meinen Master gemacht in Vor- und Frühgeschichte und habe dann über die Schnittstelle germanisch-römisch, also Thüringen und Dänemark und die Einflüsse zwischen den germanischen lokalen Eliten und den römischen Einflüssen bzw. die lokalen Eliten über die römischen Importgüter et cetera pp. Und habe dann meine Doktorarbeit angefangen über etwas ähnliches, was mehr unsere Region betrifft, also wo wir herkommen, Mainz und Rheinhessen, über die keltisch-römische Vermischung und inwieweit man Mischkulturen, also was wir als Mischkultur bezeichnen kann, eigentlich als tatsächliche Kultur bezeichnen kann, also das Thema Immergens, und ab wann ist die Stufe erreicht, wo man sagt, wir reden von zwei Kulturen, die sich mischen, oder von einer eigenständigen Kultur. Habe dann aber bei der Firma bei der ich gejobbt habe eine Festanstellung angeboten bekommen und habe mir gedacht: dann lieber arbeiten. Weil unser alter Keyboarder, der Flange wieder ausgestiegen ist, offiziell vor einem guten Jahr, der ist im Job geblieben, der schreibt immer noch an seiner Doktorarbeit… vielleicht auch für immer… das ist jetzt böse… der Kerl ist ein absoluter Crack, der ist ein absoluter, vollkommener Wahnsinn auf dem Gebiet. Aber die Jobchancen in der Archäologie… Ich habe keine Lust auf Zweijahresverträge, und dann mal hier und dann mal da. Ich will unter der Woche proben können, ich will Gigs zusagen können, die in einem Jahr sind oder in einem halben Jahr. Und ich will nicht sagen „ich weiss nicht, vielleicht wohne ich dann in Berlin oder vielleicht wohne ich in Bacharach oder vielleicht habe ich keinen Job mehr“. Irgendwann ist gut, im Alter über 40 muss man dann auch mal sagen: schade, sehr schade; ich habe auch noch die ganzen Ordner und die Bücher zu Hause. Manchmal muss man bissl weinen wenn man sich das anschaut. Aber, es macht keinen Sinn.

Du trägst ja auch Melodien lange mit dir rum – vielleicht kommt das auch irgendwann, dass du sagst, Mensch, jetzt mache ich das zu Ende

Ja, ich habe mir überlegt, meine Doktorarbeit, das was da ist, zumindest mal zusammenzufassen, und zu veröffentlichen. Aber… ich habe schon mir sehr viele Sachen vorgenommen, sehr sehr viele Sachen.

Okay, letzte Frage: Wenn du eins bis drei Musiker benennen könntest, lebendig oder auch nicht, mit denen du gerne einmal auf einer Bühne stehen würdest – wer wären das?

Niemand. Ich glaube, wenn ich drüber nachdenken würde, würde mir was einfallen, aber dann würde ich daneben vergehen. Da würde ich nicht danebenstehen wollen und das versauen. Andere Musiker sollen andere Musik machen und dann würde ich gern im Publikum stehen und Getränke in der Hand haben und mir das anschauen. Vielleicht… da komme ich dann ins Nachdenken und Abwägen und ich glaube… zu schwer.

Das letzte Wort.

Ich muss aufs Klo.

Aufgezeichnet von Peter

Tetszett? Oszd meg a barátaiddal \m/